Interview

„Nicht nur ein
Kosten-
faktor“

Interview Mayer Hanna_01_Universitaet Wien

Die renommierte Expertin Univ.-Prof. Mag. Dr. Hanna Mayer (im Bild), Vorständin des Instituts für Pflegewissenschaft der Universität Wien im Smartguide Gesundheit &
Pflege-Interview über Lehre und Praxis, Nöte, Möglichkeiten und Zukunftsaussichten von Pflegern und Gepflegten.
Text: Elisabeth Schneyder

Hat sich in der Krankenpflege seit Ihren eigenen Anfängen viel verändert?
Da meine eigene Ausbildungszeit sehr lange zurückliegt, hat sich zwangsläufig viel verändert. Pflege ist von einer Semiprofession zur Profession geworden. Es gibt einen unglaublichen Zuwachs an pflegespezifischem Wissen, Pflegewissenschaft- und Forschung sind etabliert und in der Praxis angekommen. Neue Berufsrollen haben sich entwickelt. Auch das Umfeld hat sich stark verändert: Die Verweildauer im Krankenhaus hat sich drastisch verkürzt, alle Abläufe sind schneller. Den Pflegeprozess zu leben bedeutet viel mehr Anstrengung als vor 25 Jahren.

Was sollte jemand bedenken, der eine Ausbildung zum Krankenpfleger in
Erwägung zieht?
Den Pflegeberuf sollte man nur ergreifen, wenn man die entsprechende Eignung dazu hat. Man muss die Arbeit mit Menschen lieben – auch in oft sehr schwierigen und herausfordernden Situationen – und die Fähigkeit haben, Patienten immer empathisch zu begegnen. Aber man braucht auch Allgemeinbildung, das Potenzial, sich Wissen anzueignen und aktuell zu halten. Man muss Verantwortung übernehmen können und wollen, belastbar und stressresistent sein – kurz gesagt: Herz und Hirn haben.

Welches sind die größten Stress-Faktoren, mit denen Pflegekräfte fertig werden müssen?
Arbeit unter hohem Zeitdruck – oft ohne Spielraum für vertieftes Eingehen auf den Einzelnen und seine individuellen Bedürfnisse.

Welche Rolle spielt soziale Kompetenz bei der Pflege von alten und/oder kranken Menschen in deren eigenem Zuhause?
Sie ist eine Schlüsselkompetenz! Ohne sie geht gar nichts. Schon der pflegediagnostische Prozess funktioniert nicht ohne ein Einlassen auf den anderen Menschen. Empathie ist der Schlüssel, mit dem man Zugang zu den Patienten erhält. Vielen Pflegemaßnahmen bauen auf einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Patienten und Pflegenden auf. Pflege ist ein Sozial- und Dienstleistungsberuf. Das darf man nie vergessen!

Vor allem bei geriatrischen und dementen Patienten treten oft starkes Misstrauen und Aggressionen auf den Plan. Wie gehen Pflegekräfte damit am besten um?
Solche Verhaltensweisen sind oft Ausdruck von unbefriedigten Bedürfnissen, von „nicht verstanden werden“ und starkem Stress oder auch einzig möglicher Ausdruck von Kontrolle über die Situation. Wichtig ist herauszufinden, was hinter diesen Verhaltensweisen steht. Nur dann kann man entsprechend reagieren.

Pflegebedürftige Menschen haben oft mit erheblichen Ängsten zu kämpfen.
Was hilft?
Zentral ist immer auf die individuelle Situation einzugehen, den Menschen als Person wahrzunehmen und seine Ängste ernst zu nehmen. Es geht weniger darum, den Patienten die Angst zu nehmen, weil das oft nicht geht. Ein Herunterspielen der Situation („das ist nicht so schlimm“ oder „es wird schon wieder“) ist nicht nützlich, sondern verstärkt oft das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Vielmehr gilt es, Beratungen und Schulungen so auszurichten, dass Selbstmanagementfähigkeiten und Selbstvertrauen der Patienten gestärkt werden.

Wie gut ist die 24-Stunden-Pflege in Österreich?
Grundsätzlich lässt sich hier kein Pauschalurteil abgeben, da es die 24-Stunden-Pflege nicht gibt. Die Qualität variiert je nach Anbieter – und je nach Fähigkeiten und Qualifikationen der Personen, die dort angestellt sind. Persönliche Komponenten sind natürlich wichtig, da die Betreuungspersonen eben 24 Stunden bei den Patienten sind, im selben Haushalt leben und so eine ganz besondere Nähe entsteht. Die Ausbildung bekommt umso mehr Gewicht, je komplexer die Pflegesituation und je größer der Pflegebedarf ist.

Welche Rolle spielen Angehörige bei der Pflege?
Welche Hilfen brauchen sie?
Angehörige haben immer eine zentrale Rolle. Sie bilden das engste soziale Netzwerk für die Patienten und wir wissen aus vielen Studien, dass der sogenannte „social support“ eine wichtige entlastende Komponente in schwierigen Situationen ist. Angehörige übernehmen immer in gewisser Weise Pflegeverantwortung und sind immer Teil des Arrangements, auch wenn sie nicht im selben Haushalt leben.
Viele Angehörige übernehmen aber die direkte Pflege – meistens sind es Frauen. Dies bedeutet erhebliche Belastungen, besonders durch die andauernde zeitliche Anbindung, das Gefühl der Verantwortung, Überforderung und Aussichtslosigkeit. Dazu kommen die Unsicherheit der Zukunft der zu pflegenden Person, fehlende Zeit für sich selbst, Stress und körperliche Belastung. Information und Beratung, aber auch Hilfestellungen, die den Angehörigen Freiräume verschaffen, bringen Entlastung..

Was würden Sie selbst tun, wenn Sie jetzt die Pflege eines nahen Verwandten organisieren müssten?
Eine ganz schwierige Frage! Denn, auch wenn ich „vom Fach“ bin: Betrifft es einen selbst oder einen Angehörigen, ist man mit denselben Unsicherheiten, Zweifeln und Problemen konfrontiert wie jeder andere auch. Mein Vorteil wäre aber, dass ich gut vernetzt bin. Das würde ich jedem wünschen. Dann kommt es auf die Situation an: Braucht man mehr Hilfe in Haushalt und täglichem Leben, würde ich auf eine gute Kombination zwischen 24-Stunden-Pflege oder einer anderen Betreuungsform, die hauptsächlich diese Aspekte abdeckt, setzen – unterstützt durch punktuelle professionelle Pflege und technische Hilfsmittel.
Im Fall einer Demenzerkrankung würde ich mit Spezialisten aus diesem Bereich in Kontakt treten und eine gute, spezialisierte Demenzbetreuung in Anspruch nehmen. Es gibt hervorragende Einrichtungen, Wohngruppen oder tolle Demenzstationen.

Ihr Resümee nach zehn Jahren als Vorstand des Instituts für Pflegewissenschaft: Was hat sich verändert, was muss sich ändern?
Die Pflege beginnt die Potenziale, die in diesem Beruf liegen, auszuschöpfen. Der Beruf wird als einer gesehen, für den es mehr braucht als ein gutes Herz oder flinke Hände, nämlich auch Bildung, Wissen und Verstand. In gleichem Maße wächst aber auch das  Verständnis für personenzentrierte Pflege – eine Entwicklung, die mich ungemein freut.
Auch bemerke ich, dass Pflegwissenschaft in Österreich zusehends als ernstzunehmende Wissenschaftsdisziplin wahrgenommen wird. Pflege muss zu einem gleichwertigen Partner im Gesundheitssystem werden. Geht es um gesundheitspolitische Entscheidungen, dominiert immer noch die Medizin. Was Pflege im Gesundheitssystem leisten könnte, wird von diesem längst noch nicht ausgeschöpft.

Ein gutes Beispiel sind die Primary Health Care Center. Verfolgt man hierzulande die Diskussion, hat man den Eindruck, sie wären nicht mehr als Gemeinschaftspraxen, bei denen auch andere Berufsgruppen involviert sein können. Das entspricht nicht dem eigentlichen Potenzial. Die Rolle der Community Nurse oder einer Family Nurse wäre eine gute Lösung für niederschwellige Formen Gesundheitsversorgung. Ich wünsche mir da noch viel mehr Fantasie und Mut in der Politik, neue Konzepte auszuprobieren, statt in neuen Formen des Althergebrachten zu verharren.

Es ist absehbar, dass die Zahl der durch altersassoziierte Erkrankungen pflegebedürftigen
Menschen zunehmen wird. Welche Strategien sind nötig?
Im Österreichischen Gesundheitswesen müsste es hier zu Umdenken und Umverteilung kommen. Die Gesamtausgaben skandinavischer Länder für das Gesundheitswesen unterscheiden sich zum Beispiel nicht wesentlich von jenen in Österreich, es wird jedoch anteilsmäßig mehr für Langzeitpflege ausgegeben. Es gibt dort eine primäre Verantwortung des Staates (der Kommunen) für die Pflege, was sich etwa in vielfältigeren Unterstützungs- und Betreuungsangeboten, mehr Dienst- und weniger Geldleistungen niederschlägt.
Umdenken ist aber auch wichtig, weil es problematisch ist, Pflege – vor allem älterer Menschen – immer nur über ökonomische Ebenen zu sehen. Voraussetzung für ein produktives Herangehen an die neue gesellschaftliche Situation wäre, das Älterwerden nicht nur als Problem zu sehen – und ältere oder chronisch kranke Menschen nicht in erster Linie als Kostenfaktor einer Gesellschaft.

Aus dem Alltag einer Pflegekraft

Wer sich berufen fühlt, anderen zu helfen, steht oft ungern im Rampenlicht, obwohl er Großes leistet. So auch der 35-jährige K. M., der als OP-Gehilfe begann, dann eine Ausbildung zum Krankenpfleger absolvierte und jetzt als persönlicher Assistent arbeitet, weil dies „individuellere, persönlichere Hilfe erlaubt“.

Man staying in nursing home

Beim Pflegeberuf muss man die Arbeit mit Menschen lieben.

Wie mein Arbeitsalltag aussieht, lässt sich sehr kurz beschreiben: Er folgt genau dem, was mein jeweiliger Klient braucht. Aktuelles Beispiel: Um sechs Uhr muss der geliebte Kater gefüttert werden, ehe ich den Klienten wecke, wir mit Hilfe des Deckenlifters vom Bett in den Rollstuhl wechseln und die Morgentoilette starten. Nach dem Ankleiden richte ich das Frühstück und wir plaudern ein Weilchen. Dann erledige ich Einkauf und allfällige Botengänge, räume auf und koche fürs Mittagessen. Am Nachmittag kann es sein, dass wir zum Arzt oder zur Bank müssen. Oft gehen wir aber auch spazieren, unterhalten uns oder erledigen E-Mails und Post. Wie viele Stunden pro Tag ich mit meinem Klienten verbringe, hängt davon ab, wie viel er eben braucht, und wird vorab vereinbart. Medizinisch-pflegerische Tätigkeiten darf ich nicht ausführen. Dafür kommen Fachkräfte ins Haus. Und im Gegensatz zu 24-Stunden-Pflegern, die rund um die Uhr vor Ort sein müssen, agiere ich eher wie ein Freund, der zur Stelle ist, wenn etwas nottut. Kommunikation und Vertrauen sind genauso wichtig wie die praktischen Hilfsdienste. Und, ja: Es gibt eine Bindung zwischen dem Klienten und mir. Endet der Auftrag einmal, kann das weh tun. Aber davor ist man in Gesundheitsberufen nie gefeit.

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