Wirksame Vorsorge

Ich achte auf mich

Wirksame Vorsorge: Ein neues Pilotprojekt lässt aufhorchen. Vorigen September startete ein neues Gesundheitsprojekt zum Thema „Alter & Pflege“ unter dem Motto „Ich achte auf mich“. Ein Jahr lang bieten Experten Workshops, Vorträge und  Impuls-Veranstaltungen für ältere Menschen, pflegende Angehörige und Pfleger an, um psychischer Überforderung, körperlichen Belastungen und Schuldgefühlen vorzubeugen und wichtige Selbstpflege zu betreiben. Im Interview die Psychologin und Projektleiterin
Mag. Natalia Ölsböck.

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Wichtig für pflegende Angehörige: Die Fürsorge für einen alten oder kranken Menschen darf einen nicht komplett vereinnahmen. Es muss Platz für das eigene Ich bleiben.


Wie sind Sie auf die Idee zu „Alter & Pflege – Ich achte auf mich“ gekommen?

Mir war seit einiger Zeit aufgefallen, dass hier ein großes gesellschaftliches Problem auf uns zukommt. Die Menschen werden immer älter, nicht aber gesünder. Wer versorgt all die alten, hilfsbedürftigen Menschen? Nur ein geringer Teil wird in Pflegeheimen aufgenommen, 16 Prozent laut aktuellen Daten, über 80 Prozent müssen von den eigenen Angehörigen gepflegt werden. Das Problem dabei ist, dass dadurch viele überfordert sind, an ihre körperlichen, psychischen und finanziellen Grenzen gelangen.
Laut aktuellen Studien fühlen sich über 70 Prozent der pflegenden Angehörigen stark belastet. Durch diese anhaltende Belastungssituation steigt das Risiko, selbst zu erkranken. Dadurch entstehen nicht nur hohe Folgekosten, sondern viele neue potenzielle Pflegefälle. Dieser Kreislauf sollte frühzeitig unterbrochen werden!
Im Winter 2015 ist man an mich mit der Bitte herangetreten, ob ich nicht ein Präventionsprojekt mit dem Schwerpunkt pflegende Angehörige konzipieren könnte. Wir haben im Jänner 2016 mit den Vorbereitungen begonnen: wissenschaftliche Daten sammeln, Arbeitskreis bilden, ein interdisziplinärer Ideenworkshop mit unterschiedlichen Experten und Betroffenen wurde durchgeführt, die Bevölkerung befragt, um herauszufinden, was sie braucht und sich wünscht. Daraus haben wir die unterschiedlichen Maßnahmen abgeleitet und im September 2016 gab es die Auftaktveranstaltung. Nun läuft das Projekt ein Jahr lang und die Angebote werden sehr gut angenommen.

Worauf sollten Pfleger und pflegende Angehörige achten?
Das Wichtigste ist Selbstfürsorge. Auf sich selbst zu achten, seine eigene körperliche und mentale Kraft richtig einzuschätzen. Denn wenn es einem selbst einmal nicht mehr gut geht, kann man auch anderen nicht helfen. Grundsätzlich gilt, nicht jeder ist für die Pflege anderer geschaffen.

Was raten Sie im Speziellen Menschen in Pflegeberufen?
Im Pflegeberuf hat man die Möglichkeit, sich während der Ausbildung, beim Praktikum auszuprobieren. Es ist wichtig, achtsam wahrzunehmen, wie es einem in der Pflege geht, wie man sich mit alten, kranken, dementen, depressiven und manchmal auch aggressiven Menschen tut. Und sich selbst einzugestehen, wenn man selbst nicht dafür geschaffen ist. Während der Berufsausübung sollte auf eine gute Lebensbalance geachtet werden. Ich empfehle, Supervision, Fortbildungen sowie ab und an ein Coaching in Anspruch zu nehmen. Das dient der eigenen Psychohygiene und Wissenszuwachs stärkt einen innerlich.

Und pflegende Angehörige?
Pflegende Angehörige machen das oft aus Pflichtgefühl oder weil sie keine andere Alternative sehen, das kann recht belastend sein. Es macht auch noch einen Unterschied, ob man Fremde pflegt oder Nahestehende. Beim eigenen Angehörigen hat man völlig andere Empfindungen, man ist emotional involviert und vieles geht einem nahe. Man ist dadurch viel stärker psychisch belastet.
Außerdem fehlt vielfach das Wissen bezüglich Pflege, Heben und dergleichen, was auch zu körperlicher Überanstrengung führt. Deshalb finde ich es wichtig, die Pflege niemals alleine zu übernehmen, sondern sich Hilfe zu holen, wo es nur möglich ist. Mobile Dienste, Fortbildungen, Selbsthilfegruppen sollten unbedingt in Anspruch genommen werden.

Was sind typische Anzeichen einer Überforderung?
Psychisch beginnt es meist mit Gereiztheit, man fühlt sich überfordert und eingeengt, und Aggression staut sich auf. Körperliche Symptome wie Verspannungen, Kopfschmerzen, Magen- und Verdauungsbeschwerden oder Schlafprobleme können auftreten. In der Folge kommt es häufig zu Infektanfälligkeit. Wenn man jetzt nicht auf die Notbremse drückt, rasch Ausgleich schafft, dann kann dieser anhaltende Stress zu körperlichen Erkrankungen, Depression und Burnout führen.

Wie kann ich mich vor Überforderung schützen?
Um sich vor Überlastung zu schützen und auch wenn man bereits Überlastungssymptome wahrnimmt: Hilfe holen, Hilfe annehmen!
Aussprechen hilft – entweder bei einer Vertrauensperson oder beim Vertrauensarzt, oder psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.
Die Fürsorge für den Angehörigen darf einen nicht komplett vereinnahmen. Bei jedem „Wir“ muss auch Platz für das eigene „Ich“ bleiben. Bei all der Liebe, Fürsorge und Verpflichtung, die man sich auflädt, braucht man auch Auszeiten, um aufzutanken.
Ich empfehle, die Pflege ein wenig aufzuteilen, also Expertenhilfe ausschöpfen, andere Verwandte und Freunde in die Betreuung mit einbeziehen. Sich unbedingt Pausen, Zeit für sich und auch Urlaub gönnen, nicht alle Hobbys vernachlässigen, sondern Ausgleich finden. Bewegung und Entspannung, um den Stress abzubauen. Ganz wichtig: zum Auftanken der Energiespeicher vieles tun, was Spaß macht und Freude bereitet! So kommt man wieder in seine Mitte und kann das Geforderte besser leisten.

Oft geht es ja auch um Schuldgefühle: Wie soll man diesen begegnen?
Sich eingestehen, dass man auch nur ein Mensch ist und bei all dem, was man leistet, auch mal schwach sein darf. Schuldgefühle gehören dazu – man sollte ihnen jedoch keinen hohen Stellenwert einräumen, sondern sich selbst sagen, dass jeder in der Lage  von Gewissensbissen und Schuldgefühlen geplagt wird. Auch Schuldgefühle haben einen Nutzen – sie helfen, bei all den Strapazen und aufkommenden heftigen Emotionen wie Ärger und Verzweiflung die Kontrolle und Fassung zu bewahren.
Sehr hilfreich kann der Austausch in einer Selbsthilfegruppe sein! Bei uns heißt das „Stammtisch für pflegende Angehörige“. Wir treffen uns jeden ersten Mittwoch im Monat. Neben Betroffenen sind immer auch Leute von unserem multidisziplinären Team anwesend wie Pflegepersonal, Ärzte, Psychologin, externe Hilfsdienste – manchmal auch ein Jurist –, die mit ihrem Rat zur Seite stehen. Aus unserer Erfahrung ist aber der Austausch und die Aussprache zwischen den pflegenden Angehörigen das Allerwichtigste.

Zur Person
Mag. Natalia Ölsböck
ist ausgebildete Wirtschafts- und Kommunikationstrainerin sowie Personal- und Arbeitspsychologin. Die Sachbuchautorin („Mit Leichtigkeit – sorgenfrei, fröhlich und unbeschwert leben“) leitet außerdem das von ihr konzipierte neue Gesundheitsförderungsprojekt „Alter & Pflege – Ich achte auf mich“.

 

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